Anforderungen zweisprachig pflegen?

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In der betrieblichen Praxis komplexer Produktentwicklungen stellt sich oft die Frage, ob Anforderungen in der Muttersprache der Entwickler oder in einer Fremdsprache - zumeist Englisch - spezifiziert und gepflegt werden sollen.

Das Problem

Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile: Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass ein Entwickler in seiner Muttersprache denkt und damit Anforderungen deutlich genauer spezifizieren kann, als ihm dies in einer Fremdsprache möglich wäre. Selbst in der Muttersprache gibt es ja genügend Fallstricke, über die man stolpern kann, und die die Aussage einer Anforderungen unerwünscht verändern. Dieses Thema ist in der Fachliteratur ja inzwischen bestens beleuchtet.

Um wieviel stärker schlägt aber dieser Effekt zu, wenn in einer Fremdsprache spezifiziert werden soll? Natürlich ist inzwischen Englisch international üblich, aber seien Sie ehrlich: trauen Sie sich zu, von einer englischsprachigen Anforderung beurteilen zu können, ob sie hinreichend präzise und eindeutig ist? Lesen Sie als Beispiel den folgenden Beitrag auf risikomanager.org, in dem ein möglicher False Friend in einer ISO-Spezifikation (!) behandelt wird. Gerade dieses Beispiel macht deutlich, wie subtil die Probleme sein können, die durch die Formulierung in der Fremdsprache entstehen können. 

Wenn Sie sich dann noch vergegenwärtigen, dass die englischsprachige Spezifikation unter Umständen noch einmal übersetzt wird - beispielsweise ins Spanische, Japanische oder Chinesische -, dann wird klar, dass sich diese Probleme vervielfältigen können (und oft auch werden).

Der Weg

Sehr viel sinnvoller erscheint es daher, die Anforderungen in der Muttersprache zu spezifizieren und durch Experten - also qualifizierte und fachkenntnisreiche Übersetzer - in die Fremdsprache übertragen zu lassen. Damit werden Risiken, wie die im obigen Beispiel, zwar nicht vermieden, aber doch auf Dauer deutlich reduziert. 

Auch hier stellen sich aber diverse Fragen: Wie erkenne ich von einer Anforderung, ob sie in beiden Sprachen synchron ist, oder ob sie aufgrund einer Änderung in der Originalsprache neu übersetzt werden muss? Wie stelle ich sicher, dass die zu übersetzenden Anforderungen in einem einfachen Verfahren zum Übersetzer gelangen? Wie wird abgesichert, dass die Übersetzer fachliche Besonderheiten adäquat berücksichtigen, wie beispielsweise Fachtermini oder Werte und Einheiten? Und wie kann die Übersetzung wieder so zurückgespielt werden, dass sie mit dem Änderungsmanagement verträglich ist?

Dennoch ist aus meiner Sicht dieser Weg zu bevorzugen. Alle diese Fragen lassen sich über die verwendeten Werkzeuge und entsprechende Prozessabläufe hinreichend in den Griff bekommen. Ergebnis ist ein echter Round-Trip, der im Laufe der Zeit - gerade, wenn Sie Anforderungen für neue Produkte oder Produktversionen wiederverwenden - zu einem erheblich reduzierten Übersetzungsbedarf führt:

Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung

Besonders wichtig ist es aber, dass Fachbereiche und Übersetzer eng zusammenarbeiten: Oft müssen ja - wegen entsprechender Terminvorgaben - relativ viele Spezifikationen in relativ kurzer Zeit übersetzt werden. Ist dies nicht auf beiden Seiten ausreichend geplant, kann dies dazu führen, dass Termine nicht gehalten werden können, oder - schlimmer - die Übersetzungsqualität leidet, weil auf Übersetzer zurückgegriffen werden muss, die sich mit den fachlichen Gegebenheiten nicht auskennen oder noch nie mit dem Unternehmen zusammengearbeitet haben.

Leider herrscht gerade im Übersetzungsgeschäft ein enormer Preisdruck. Dieser zwingt die Übersetzer dazu, den einzelnen Auftrag schnellstmöglich zu bearbeiten, um mittels entsprechendem Durchsatz auf ihre Kosten zu kommen. Das aber wiederum führt zwangsläufig zu geringerer Übersetzungsqualität, was gerade im Fall von Spezifikationen fatale Folgen haben kann. Zwar ist es auch bei einem Benutzerhandbuch problematisch, wenn ein Begriff nicht adäquat übersetzt wurde, bei einer Spezifikation, auf Basis derer möglicherweise Millionen von Teilen gebaut werden sollen, wird dies richtig teuer.

Sparen an der Übersetzung ist also nach meiner festen Überzeugung im Fall von Spezifikationen Sparen an der falschen Stelle. Stellen Sie sicher, dass Sie möglichst direkten Zugriff auf Ihre Übersetzer haben. Stellen Sie auch sicher, dass eine direkte Kommunikation zwischen Fachbereich und Übersetzer möglich ist. Und stellen Sie sicher, dass alle zentralen Fragen auch zentral geregelt werden, beispielsweise Fachglossare in beiden Sprachen oder der Übersetzungsprozess selbst.

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